Aufmerksamkeit in der Pflege

In meiner Arbeit lassen sich meine Erfahrungen auf der Intensivstation sehr gut mit Ihrem Wissen und Ihren Erfahrungen in der Pflege zusammenführen.

Eine Geschichte:

Das Waschfest

Pflegerin B. kommt zum Waschen. So wie jeden Tag, aber heute ist alles anders.
Sie sagt: „Heute machen wir ein Waschfest!“ Ich bin gespannt, was da kommen
mag.
Zuerst ist alles wie immer. Gesicht waschen, Zähne putzen … Aber dann. Sie
nimmt das Leintuch weg, mit dem ich zugedeckt bin, taucht ihre Hände in das
warme Wasser und beginnt zu schöpfen. Sie schöpft Wasser aus dem Becken
und gießt es über meinen Körper. Immer und immer wieder. Das warme Wasser
rinnt über meine Arme, meine Brust, meinen Bauch, meine Beine, Wasser,
Wasser, Wasser. Es ist himmlisch! Sie lässt das Wasser über meinen Körper
laufen, nimmt einen Waschlappen und streicht behutsam über meine Haut.
Ich liebe Wasser, immer, in jeder Form, das Waschen ist hier ein Highlight des
Tages und dieses Waschfest heute ist unfassbar schön. Ich genieße es so sehr.
Bald schwimmt das ganze Bett und ich fühle mich wie im Schlauchboot, wenn
die Kinder fünf Mal raus und rein sind. Da steht dann auch immer das Wasser
drin.
Langsam wird es kalt, das Wasser kühlt so schnell aus. Schade. Ich werde
abgetrocknet, das Bett wird frisch bezogen und ich habe den ganzen Tag etwas
zum Träumen. Danke!

© Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main. Aus: Guschlbauer, Brigitte: Von Augenblicken und Ewigkeiten, 2018, S. 47f

Aufmerksamkeit in der Pflege ist keine Frage der Zeit. Dieses Waschfest hat nur unwesentlich
länger gedauert, als die „normale“ Pflege. Aber ich bin gesättigt mit Zuwendung, bin stabiler,
ruhiger und zuversichtlicher als an vielen anderen Tagen.

Eine andere Geschichte:

Suppenfütterung.

Abendessenszeit. Ein lustiges Wort auf der Intensivstation, die meisten hier
kriegen ihr Essen durch Schläuche. Ich darf essen. Genauer gesagt: Ich darf
gefüttert werden. Pfleger K. hat heute bei mir Dienst. Und da kommt er auch
schon mit der Suppe.

Es ist Februar 2006, in Turin finden gerade die olympischen Winterspiele statt.
Wohlmeinende Menschen schalten mir immer wieder den Fernseher in meinem
Zimmer ein (ja, das gibt’s auch auf der Intensivstation) und ich kann Skirennen
schauen. Da muss ich nicht viel denken und es bewegt sich was. Die
Stimme von Rainer Pariasek, dem Sportmoderator, brennt sich in diesen Wochen
auf ewig in mein Hirn ein.

Gut. Es gibt also Suppe, Skirennen und einen Pfleger. Er kommt flott zur Tür
herein und bindet mir mein Lätzchen um. Gleichzeitig schaut er nach rechts
oben zum Fernseher, wer fährt da gerade? Erster oder zweiter Durchgang?
Wer führt? … Das Lätzchen ist umgebunden und er beginnt zu füttern. Leider
schaut er immer noch, wer gerade fährt … Es ist eine leere, klare Suppe. Ganz
flüssig. Und ich habe sie überall, das wenigste davon in meinem Mund. Ich
kann nichts dazu sagen. Ich kann immer noch nicht reden. Mich anzuschauen,
wäre super. Manchmal ist es zum Verzweifeln.

Zu dem Pfleger muss ich sagen, dass er mir in den vielen Wochen sehr, sehr viel
geholfen hat. Er hat konsequent mit mir an meiner Mobilisierung gearbeitet, und
das war wahrlich nicht leicht. Er hat auch den letzten Ausschlag gegeben, dass ich
mich zuversichtlich von der Beatmungsmaschine verabschieden konnte. Ich habe
ihn sehr geschätzt. Aber das mit der Suppe …

© Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main.
Aus: Guschlbauer, Brigitte: Von Augenblicken und Ewigkeiten, 2018, S. 56

Blickkontakt kann in einer solchen Situation Wunder wirken!

„Die wichtigste Stunde ist immer die gegenwärtige.
Der wichtigste Mensch ist immer, der dir gerade gegenübersteht.“

(Meister Eckhart)